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BSK-Operation bei 86jährigem (etwas gebrechlichen) Mann ?

Verfasst: 27. Juni 2010, 16:29
von slumchen
Mein Schwiegervater (86) kann seit 12 Jahren nur noch mit Krücken gehen (hat auf einer Seite kein Hüftgelenk mehr).
vor 1 1/2 Jahren starb meine Schwiegermutter an Gallengangkrebs und er kommt mit ihrem Tod bzw. mit seiner Einsamkeit (obwohl wir und die Enkel ihn oft besuchen und er im Haus neben uns wohnt) nicht klar. Jetzt bekam er Gelbsucht und der Verdacht lautete: Gallensteine im Gallengang. Beim Eingriff wurde nun leider festgestellt, dass es keine Gallensteine waren, sondern ein Tumor der Bauchspeicheldrüse den Gallengang blockierte. Es wurde ein Stent gelegt.
Mein Schwiegervater hat gleich nach dem Eingriff gesagt, dass er auf keinen Fall eine Chemo will. Ein Arzt hat zunächst gemeint, dass man eventuell operieren könne, da der Tumor nicht gestreut habe - ein anderer rät irgendwie von der OP ab. Nun habe ich viel über solche OPs nachgelesen und bin nicht sicher, ob das für meinen Schwiegervater gut ist. Er ist doch sehr schwach und sein Lebenswille ist auch nicht sehr groß. Nach der OP gibt es doch auf jeden Fall viele Schwierigkeiten (Schmerzen, Probleme mit der Verdauung...) für ihn. Was meint ihr? Hat jemand Erfahrungen damit wie ein ähnlich alter Mensch so eine OP gut überstanden hat und vor allem danach ein gutes Leben führt?
Am Montag soll wohl ein Gespräch mit dem Chefarzt stattfinden. Ich glaube, dass mein Schwiegervater so einen Eingriff nicht abschätzen kann und denkt, der Tumor wird rausgeschnitten und das wars. Dabei wird so viel mehr mit rausgeschnitten. Frage: Muss das sein? Oder kann man nicht einfach den Tumor rausmachen? Dann wird der Krebs wohl bald wiederkommen oder? Aber mein Schwiegervater hätte noch einen schönen Sommer und irgendwie will er eh nicht mehr so recht. Ich mag meinen Schwiegervater sehr aber es tat schon weh, zu sehen wie er ohne seine Frau immer trauriger wird. Deshalb denke ich, dass man sein Leben nicht unnötig mit Schmerzen und Plagerei rausziehen müsste. Das Ziel müsste sein, dass er noch eine möglichst lange gute Zeit hat.
Wie ist das mit der Chemo eigentlich? Wie oft muss man ins Krankenhaus und wie sind die Nebenwirkungen? Wenn man die Chemo nicht gut verträgt, kann man als Patient doch jederzeit sagen, dass man abbrechen will, oder?

Ich wäre dankbar für Informationen.

Re: BSK-Operation bei 86jährigem (etwas gebrechlichen) Mann ?

Verfasst: 27. Juni 2010, 17:44
von Corinna B.
Hallo, ich vor 2 Jahren mit einer Linksresektion der BSD operiert worden ( d.h. die Pankreas ist bis auf den Kopf weg, Galle und Milz auch), der "Tumor" war gutartig. Bis ich wieder relativ fit war verging ein gutes halbes Jahr. Ich war 56 Jahre.
Zeitgleich wurde die 76jährige Großmutter einer Freundin meiner Tochter an einem BSD Krebs operiert, überwiegend zur " Schmerztherapie", denn die Prognosen waren schlecht, die Großmutter wollte allerdings leben.
Sie hat die Op knappe 6 Wochen überlebt, eine Zeit in der auch ein junger Mensch sich noch nicht wieder erholt hat.
Und ich will es mal vorsichtig formulieren.
Der Schwiegervater ist 86 Jahre alt und hat seinen Lebenssinn ( seine Frau) und Lebensmut verloren wie sie schreiben. Sollte man ihm nicht die Entscheidung überlassen, nachdem ihm ausführlich die Risiken und Folgen der Operation erklärt hat?
Vielleicht sollte man die verbleibende Zeit nutzen um einen liebevollen Abschied voneinander in die Wege zu leiten und noch all das zu tun was Freude macht und gemacht werden kann.

Re: BSK-Operation bei 86jährigem (etwas gebrechlichen) Mann ?

Verfasst: 28. Juni 2010, 07:30
von slumchen
Danke Corinna, für die Antwort und alles Gute weiterhin für Sie.
Eine Frage hätte ich noch: Ist die 76jährige Frau am Krebs oder eher an den Folgen der OP verstorben?Ich hoffe nun sehr, dass die Ärzte meinem Schwiegervater wirklich ehrlich alles über die OP und deren Folgen sagen, damit er eine klare Entscheidung für sich treffen kann. Ich habe bei dem Krankenhaus kein so gutes Gefühl.

Falls es noch jemanden gibt, der Erfahrungen mit der OP bei so alten Leuten gemacht hat, würde ich mich über Antworten sehr freuen. Danke!

Re: BSK-Operation bei 86jährigem (etwas gebrechlichen) Mann ?

Verfasst: 28. Juni 2010, 08:42
von Corinna B.
Hallo, ich glaube bei der 76jährigen ist alles zusammengekommen. Sie war schon vor der Operation eine zierliche alte Dame und hat durch die OP sehr viel Gewicht verloren, was eigentlich alle tun. Wenn ich mich recht erinnere wog sie zum Schluss noch knappe 45kg. Aber wie gesagt,es kann auch alles ganz anders laufen.
Ich weiß nicht in welcher Region sie wohnen, aber es gibt Kliniken die der AdP bevorzugt, Zb. das Pankreaszentrum in Heidelberg oder Bochum. Vielleicht einfach eine Zweitmeinung einholen.

Re: BSK-Operation bei 86jährigem (etwas gebrechlichen) Mann ?

Verfasst: 28. Juni 2010, 08:43
von Norbert
Hallo,

also ich würde dringend in diesem Alter von solch einer Operation abraten. Ich glaube nicht, dass sie lebensverlängernd ist, sondern im Gegenteil. Es braucht sehr lange Zeit, bis man sich von diesem Eingriff wieder erholt. Die OP dauert 6 und mehr Stunden, dazu kommt noch die Belastung der Narkose. Da dein Schwiegervater sowieso nicht mehr so fit ist, ist das ein zusätzliches Handicap.
Wenn ein Arzt in dieser Gesamtsituation zu einer OP rät, ist das für mich reines Profitdenken. Solch eine OP bringt viel Geld.

Ich glaube, dass ihr so eine noch viel schönere Zeit verbringen könnt. Ich wünsche euch alles Gute und die richtige Entscheidung.

LG

Norbert

Re: BSK-Operation bei 86jährigem (etwas gebrechlichen) Mann ?

Verfasst: 28. Juni 2010, 10:10
von yasmin75
Hallo,

also wenn der Tumor noch keine Metastasen gestreut hat warum nicht?
Als ich operiert wurde,waren viele die ich kennengelernt hatte über 70 Jahre und 2 Damen hatten die Op prächtig überstanden,viel besser als ich und ich war damals 31.
Das Alter sollte doch keine Rolle spielen.
Das wäre ja furchtbar wenn das so wäre,man ist alt und hat weniger überlebenschancen,das halte ich nicht für mögich,jeder Mensch,jeder körper ist anders.
Profitdenken halte ich auch für ausgeschlossen,was verdienen unsere Ärzte hier?
Bei der Gesundheitspolitik in Deutschland?Zuviele und sehr gute Ärzte wandern ja aus,wegen diesen Dilemma hier.
Aber ich würde so oft wie möglich versuchen mit dem Schwiegervaer zu reden,wenn er aber auf gar keinen Fall operiert werden will,muss man das Respektieren.



LG
Yasemin

Re: BSK-Operation bei 86jährigem (etwas gebrechlichen) Mann ?

Verfasst: 28. Juni 2010, 11:32
von Reinhard
Hallo
Pankreas- Operationen sind in einigen Häusern sehr beliebt und werden gerne gemacht.
Der Grund sind Sollzahlen, die die Häuser erreichen müssen, damit sie auch weiterhin operieren dürfen,
und die Fallpauschalen die relativ hoch sind. Ich schrieb bereits in einem anderen Thread, dass Krankenhäuser den einweisenden Ärzten "Kopfgelder" gezahlt hatten. Das sind alles Einzelfälle, aber ich denke dass die Abteilungen der Häuser, wenn sie einen Chirurgen haben, der BSD OP vornehmen kann, auch auf Wirtschaftlichkeit achten müssen und verstärkt zu OPs raten. Das muss dort nicht so sein, man sollte es bei allem hin und her im Hinterkopf haben.
Gerade im vorgenannten Fall ist der Patient bzw. die Angehörigen schon auf die Aussagen der Ärzte angewiesen. Wo sitzt der Tumor was muss alles entfernt werden, hat er schon gestreut ect.
Wünsche Euch und dem betagten Patienten alles Gute

Re: BSK-Operation bei 86jährigem (etwas gebrechlichen) Mann ?

Verfasst: 28. Juni 2010, 11:37
von yasmin75
Jetzt mal ganz ehrlich,denkt ihr wirklich das die Ärzte gerade bei solchen OPs die Sollzahlen im Hinterkopf haben?
Sollzahlen hin und her,hier ist doch ein Krankheitsbild und eine OP,lebensnotwendig,ich hoffe jetzt mal mehr das dem nicht so ist,wie Reinhard gerade geschrieben hat.

Re: BSK-Operation bei 86jährigem (etwas gebrechlichen) Mann ?

Verfasst: 28. Juni 2010, 12:06
von Norbert
Stimme dem was Reinhard geschrieben hat voll und ganz zu. Gilt zwar nicht für alle Krankenhäuser und Ärzte.

Wer einen 86jährigen, der keinen Lebensmut mehr hat, operiert, das grenzt für mich schon an Körperverletzung. Yasmin, du weißt wie anstrengend solch eine OP ist. Da gehört eine große Portion Lebenswille dazu, sonst wird das ganze nichts, vor allem in diesem Alter.
Und die Lebensqualität spielt hier eine Vorreiterrolle. Sie wird in dem Alter nicht mehr wie vor OP erreicht.

Glaube mir, ich habe schon viele ältere Leute nach Darm-OP sterben sehen. Meinen Eltern würde ich dieses ersparen wollen. Lieber eine gute Schmerztherapie und so gut es geht LEBEN bis zum Schluss.

Grüße

Norbert

Re: BSK-Operation bei 86jährigem (etwas gebrechlichen) Mann ?

Verfasst: 28. Juni 2010, 13:29
von Corinna B.
auch ich stimme Reinhard und Norbert zu. Ich habe selber erlebt das eine Patientin mit Leber-CA, inoperabel, noch einmal geöffnet wurde um den Studenten den Fall von innen zu zeigen. Der Patientin hatte man unsinnige Hoffnungen gemacht. Sie sagte zwar selber " die haben doch gesagt die Tumore liegen zu weit auseinander um sie zu operieren", Aber die Hoffnung das sich etwas geändert hat, war eben doch da! Und da finde ich das Verhalten des Prof. einfach unakzeptabel.
Aber ich weiß auch das ich unendliche Diskussionen mit meinen Kindern hatte das ich unter Umständen nicht mehr operiert werden möchte. Es scheint für junge Menschen schwer zu sein, das das Leben eine Endlichkeit hat und das wir diese Endlichkeit auch respektieren sollten.
Wenn es auch brutal klingen mag. Wir haben eine Kostenexplosion im Gesundheitswesen, unter anderem auch dadurch das Krankenzimmer inzwischen Hotelzimmern gleichen müssen, das Operationen nach "Quote" durchgeführt werden muss und das Menschen um jeden Preis operiert werden.
Ich hoffe das meine Kinder in solch einem Fall den Mut und die Liebe haben, mich gehen zu lassen.