Hilfe für meinen Vater

(Krebs, Entzündung, Operation, Nachsorge, Verdauung, Ernährung, Diabetes, Reha, Recht ...)

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petra
Beiträge: 11
Registriert: 22. Februar 2009, 12:34
Wohnort: Sächsische Schweiz

Re: Hilfe für meinen Vater

Beitrag von petra »

Hallo an alle,

heute wieder mal ein paar Zeilen von mir.
Zustand meines Vaters: am 12.05. war er im Dresdener Uniklinikum - hier ist er auch operiert worden - . Es wurden erhöhteTumormarkerwerte festgestellt und eine erneute Chemotherpie (6x3 Gaben Gemzar mit einer Woche Pause) und Erlotinib (Tarceva) vereinbart.
Vor einigen Wochen bemerkte er verstärkte Wassereinlagerungen in den Beinen und im Bauch (erst dachte er an eine Gewichtszunahme und hat sich noch gefreut!!). Seine Onkologin verordnete ihm sog. Wassertabletten und überwies ihn aber auch zum MRT nach Dresden. Sie hatte den Verdacht, dass das Wasser ev. auch von einem Rezidiv kommen könnte und dass die jetztige Chemo und das Tarceva ev. nicht die optimale Behandlung darstellen könnte. In Dresden stellte man bei ihm durch das MRT ein Rezidiv (4x2 cm) - ich glaube - im Bauchspeicheldrüsenrest fest. TOLL!!!! Da hat ihn natürlich gedrückt. Trotzdem heißt es weitermachen. Jetzt war er erst einmal 10 Tage mit meiner Mutter im Urlaub im Bayerischen Wald. Hat beiden gut getan, v.a. weil die Psyche immer mehr leidet. Er ist sehr dünnhäutig geworden. Geht etwas nicht nach seinem Sinn oder zu langsam dann schnauzt er gleich laut rum. V.a. meine Mutter leidet sehr darunter, gibt sie sich doch alle Mühe. Alles lastet auf ihren Schultern. Dabei hat auch sie gesundheitliche Probleme (Diabetes, einen sehr schmerzhaften Fersensporn, eine schmerzende Schulter, ...) Auf der einen Seite tut mir mein Vater leid mit diesem Sch... schicksal, auf der anderen Seite würde ich ihn am liebsten auch mal anbrüllen und schütteln, was er sich mit seinem Verhalten besonders meiner Mutter gegenüber so denkt.
Keiner kann etwas für seine Krankheit. Hilfe von außen will er überhaupt nicht annehmen. Wenn er wüsste, dass ich mir hier bei euch/Ihnen Rat hole bzw. mir mal was von der Seele schreibe - ich glaube, er würde nicht mehr mit mir reden. Er hat so einen blöden Dünkel: keiner soll viel von seiner Erkrankung mitbekommen, irgendwie will er alles alleine schaffen - haha! Am Telefon erzählt er anderen immer, dass es ihm eigentlich ganz gut geht. Ist das Gespräch zu Ende, dann sieht meine Mutter wie "gut" es ihm oftmals geht. Da braucht sie ihn bloß anzusehen und er geht mit irgendwelchen grenzwertigen Bemerkungen in die Luft!!
Ich stärke meiner Mutter den Rücken, sage ihr, dass sie sich auch öfter mal wehren muss, so manches Mal auf Durchgang schalten aber auch nicht alles schlucken soll, umso schlimmer wird es.
Heute war er wieder zur Blutabnahme und festzustellen, ob alle Werte o.k. sind und er am Montag wieder zur Chemo kann. Die Wassereinlagerungen sind schon ein ganzes Stück zurückgegangen.

So, das war der status quo.

Vielleicht hat jemand mal einen guten Rat, ich würde mich freuen. :)

Liebe Grüße an alle von Petra.
Corinna B.
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Re: Hilfe für meinen Vater

Beitrag von Corinna B. »

Hallo Petra, hast du mal versucht deinem Vater klar zu machen das es deiner Mutter auch schlecht geht? Und warum nicht ihn mal anbrüllen?? Krankheit ist doch kein Freifahrtschein für schlechtes Benehmen ! Ich denke oft, das grade" in Watte packen" von Kranken ist eigentlich das Schlimmste was einem passieren kann. Dadurch wird man ja immer daran erinnert das man krank ist, weil keiner normal mit einem umgeht. Und daraus entsteht ja dann auch die Erwartungshaltung " nimm Rücksicht", aber auch " du musst dankbar sein, dass wir Rücksicht nehmen".
Ich bin meinen Kindern heute noch dankbar das sie normal bis rustikal mit mir umgegangen sind, das hat mich schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht. Übrigens auch den Willen geschürrt bald wieder ein "normales Leben" zu führen.
Ich wünsche euch alles Gute
Mit lieben Gruß
Corinna B.

Wenn dies unser letzter Tag auf Erden wäre, würden wir ihn dann nicht lieber mit Liebe statt mit Verurteilungen verbringen?
petra
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Re: Hilfe für meinen Vater

Beitrag von petra »

Hallo an alle hier,

nach sehr langer Zeit möchte ich mich heute ein letztes Mal melden.
Ich muss die sehr traurige Mitteilung machen, dass mein lieber Papa (71) am 02.05.2010 19:35 Uhr eingeschlafen ist, nachdem er fast 2 Tage im tiefen Koma gelegen hat.
Bis Weihnachten 2009 hat er noch Chemo bekommen, die er aber immer schwerer verkraftet hat. Die Kraft ließ allgemein immer mehr nach, Treppen steigen war eine Qual. Im Dezember kamen große Hüftgelenksprobleme dazu. Mein Gedanke war gleich an Metastasen. Da man in seine Adern immer schwerer hinein kam, sollte nun ein Port gesetzt werden (er wollte das lange nicht). Leider stellte man fest, dass sein Quick-Wert viel zu schlecht war - er wäre bei der kleinen OP verblutet. So wurde er am 15.01.2010 ins KH eingewiesen um den Wert zu verbessern und dann den Port zu setzen. Das ganze Vorhaben stellte sich aber als nicht durchführbar heraus, der Wert verbesserte sich kaum. Er wollte uns auch nicht sehen. Als aber meine Mutti auf ihre Anrufe auf seinem Handy keine Antwort mehr bekam, wurde sie stutzig und unruhig. Sie fuhr zu ihm und war entsetzt. Ihm ging es sauschlecht, er konnte kaum reden und war wie im Delirium. Mein Mann und ich sind dann sofort zu ihm. Wir dachten, dass er schon dort stirbt. Ein netter Arzt klärte uns auf, dass nichts mehr zu machen sei, eine weitere Chemo für meinen Papa nur noch Quälerei wäre. Gott sei Dank hat mein Papa eine Patientenverfügung, die nur auf die Behandlung von Durst, Schmerzen und Angst abzielt. Es war schwer, ihm sehr behutsam zu sagen, dass die Ärzte nichts mehr für ihn tun können. Man sah ihm an, dass es für ihn schwer war, das zu begreifen, zumal er eben immer so schläfrig war. Er lag nun schon 1 Woche fest und konnte nicht mehr aufstehen. Sein einziger Wunsch war "Nach Hause".
Da aber meine Mutti allein ist, mein Bruder und ich weit weg wohnen, wäre eine Pflege zu Hause nicht machbar gewesen. Außerdem ist meine Mutti auch mit vielen Krankheitsproblemen behaftet. So hat sie dann auf Anraten eines netten Arztes und der Sozialfürsorge einen Heimplatz ganz in Wohnortnähebeantragt.
Nachdem mein Papa erst sehr böse war, hat er aber ganz schnell seine Meinung revidiert und meiner Mutti gesagt, dass diese Entscheidung von ihr, meinem Bruder und mir richtig war. Und ich muss euch sagen, plötzlich konnte mein Papa wieder gut reden, seiner Situation entsprechend ging es ihm gut. Wir konnten uns über alles unterhalten. So kam mir der dringende Verdacht, dass man ihn im KH sediert hatte!!! Das macht mich im Nachhinein noch wütend, v.a. weil man nicht ehrlich mit uns war!!
Ab dem 02.02. bis 24.02. war er in Pflegeheim in Kurzzeitpflege, dann bis zu seinem Tode in Vollzeit. Meine Mutti ist jeden Tag 2 Mal zu ihm gegangen, hat ihm Leckerlis gebracht, ihm jeden Wunsch den er hatte versucht zu erfüllen. Mein Mann und ich sind jeden Sonnabend zu ihm gefahren, mein Bruder und seine Frau Sonntags. Nachdem er erst nicht wollte, hat er sich aber dann noch wahnsinnig gefreut, dass meine beiden Jungen (21/25) ihn auch noch einmal besucht haben und sie waren froh, ihren Opa noch einmal gesehen und gesprochen zu haben.
Er wollte alle Einzelheiten seiner Beerdigung mit uns klären, was wir auch gemeinsam gemacht haben. Nach anfänglichen Problemen seinerseits der Akzeptanz, dass er sterben wird, bzw. kein anderer Weg mehr für ihn da war, hat er dann sein Schicksal angenommen und wollte sterben, was nicht passierte. Abgemagert auf 35 kg (1,70m) konnte er sich kaum noch im Bett bewegen. Die Windelei war für ihn anfangs nur schwer zu ertragen.
In den ganzen Wochen gab es ein auf und ab, irgendwie hatte man immer noch Hoffnung, wenn es ihm wieder etwas besser ging, er wieder ein bisschen mehr aß. Getrunken hat er immer gut. Jeden Tag hat er allein und mit meiner Mutti gebetet, dass ihn doch der liebe Gott holen soll, da er alles so satt hatte. Leider ... . Dadurch ergeben sich natürlich auch große Stimmungsschwankungen und mitunter Worte, die er nie so gemeint hatte. Wir sehen es ihm heute alles nach. Keiner von uns war in seiner beschissenen Lage und weiß, was ihm da so alles durch den Kopf gegangen ist. Bis 5 Tage vor seinem Tode war er noch bei vollem Verstand, dass muss man sich mal vorstellen, immer zu wissen "du musst sterben".
Seine behandelnde Hausärztin hatte die Behandlung seiner steigenden Schmerzen gut eingestellt, tags über bekam er Bedarfsmedikamente.
1 Woche vor seinem Tod mussten die Morphine erneut neu eingestellt werden, da war er zwischenzeitlich schon mal 3 Tage sehr schläfrig und kaum ansprechbar. Uns war aber wichtig, dass er keine Schmerzen und Angst haben musste.
Ab dem 28.04. ging es dann zunehmend schlechter.
Wir waren am 01.05. von 9:45 Uhr mit einer Stunde Mittagspause dazwischen bis 16 Uhr bei ihm. Es war furchtbar. Er hatte Schmerzen und musste dementsprechend mehr Morphiumtabletten bekommen, schlief viel mit offenem Mund, jammerte manchmal, stöhnte, schnarchte, ...
Die erst verordneten Wassertabletten wurden wieder abgesetzt da Dehydrationsgefahr bestand. Seit Donnerstag hatte er so gut wie nichts mehr gegessen und trank nur ganz geringe Mengen. Die Nieren versagten langsam ihren Dienst. Wasser hatte sich wieder eingelagert. Hände und Beine sowie der Bauch waren geschwollen.
Er war so gut wie überhaupt nicht mehr ansprechbar, konnte auch kaum noch und dann sehr unverständlich reden. Ob er mitbekommen hatte, dass mein Mann und ich da gewesen waren, weiß ich nicht.
Ich habe ihn immer wieder gestreichelt, seinen Mund befeuchtet, ihm gesagt, dass ich ihn lieb habe und er nun zu den Engeln gehen kann. Es war unsagbar schlimm, wenn man daneben saß und den Tod kommen sah, sehen musste, und nichts mehr machen konnte.
Ich habe ihn zum Abschied innig auf die Stirn geküsst und gestreichelt und tief seinen Geruch in mich hineingesogen um ihn nie in meinem Leben zu vergessen.
Am Sonntagabend kam dann die - eigentlich - erwartete, aber auch gefürchtete Nachricht durch meine Mutti. Den ganzen Tag über hatte er, die schwer für den Beobachter anzuhörende Rasselatmung.
Meine Mutti war vormittags zwei Stunden und von 13 bis 17 Uhr bei ihm, dann konnte sie nicht mehr. Sie hatte so gehofft, dass er in ihren Armen einschläft, leider ... . Aber zwei Schwestern aus dem Pflegeheim waren bei ihm und sagten uns, dass er ruhig eingeschlafen ist.

Nachdem wir - meine Mutti, mein Mann und ich - am Montag von meinem Papa Abschied genommen haben, was sehr, sehr hart war, haben wir am Nachmittag alle Formalitäten mit dem Bestattungsunternehmen geklärt (die nehmen einem viele Wege und Dinge ab), waren auf dem Friedhof - gemeinsam haben wir die Stelle für das Doppelurnengrab ausgewählt - und im Anschluss haben wir noch den Termin mit der Gaststätte festgelegt.
Am kommenden Freitag, 15:15 Uhr ist die Trauerfeier mit anschließender Urnenbeisetzung. Das wird noch einmal ein schwerer Gang werden. Ich habe ganz ehrlich ein bisschen Angst davor.

Ich war dann 1 Woche bei meiner Mutti. Die gemeinsamen Tage der Trauerarbeit haben uns beiden sehr gut getan. Wir haben über so vieles gesprochen, uns gegenseitig getröstet und uns aneinander etwas aufgerichtet.
Da ich mit meinem Auto da war, haben wir beide so manches erledigt. Meine Mutti freut sich wahnsinnig, dass ich Auto fahre und mit ihr manches einkaufen war, v.a. in den Gartencentern. Gemeinsam haben wir den Garten auf Vordermann gebracht, denn meine Mutti hatte ja dafür bis jetzt keine Nerven und v.a. keine Zeit.

Momentan geht es mir einigermaßen gut. Zeiten der Nüchternheit und der Erkenntnis der Normalität und des Weitergehens des Lebens wechseln mit völligem Unverständnis, dass mein lieber Papa nicht wiederkommt, ich nie wieder mit ihm sprechen kann, er sich nicht an den Erfolgen seiner Enkel erfreuen kann (mein jüngerer Sohn hatte am 04.05. seine theoretische Prüfung zum Facharbeiter - lief prima). Ich glaube, dass das auch noch eine lange Zeit in Anspruch nehmen wird, ehe ich mich, ohne in Tränen auszubrechen, an die schönen Zeiten mit meinem Papa erinnern kann.

Ich wünsche allen hier in diesem Forum, viel, viel Kraft für ihre unterschiedlichsten Probleme und Sorgen. Schaut immer nach vorn, lasst euch die Hoffnung nicht nehmen, aber versucht auch das Unabwendbare, Endgültige irgendwie zu akzeptieren, auch wenn es lange dauert und schwer ist - es ist so, das Leben geht weiter, da fragt keiner.

Mit herzlichen Grüßen von Petra.
Norbert
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Registriert: 11. März 2008, 10:55
Wohnort: Raum Erlangen

Re: Hilfe für meinen Vater

Beitrag von Norbert »

Liebe Petra,

es tut mir Leid, dass dein Vater den Kampf gegen diese heimtückische Krankheit verloren hat.
Trotzdem vielen Dank, dass du uns an den letzten Wochen deines Vaters hast teilhaben lassen.
Es hat mich sehr berührt deine Zeilen zu lesen.
Ich wünsche dir und deiner Familie viel Kraft und alles Gute.


Alles hat seine Zeit.
Es gibt eine Zeit der Freude
und eine Zeit der Stille,
eine Zeit der Schmerzen
und der Trauer
und eine Zeit der dankbaren Erinnerungen.


Liebe Grüße

Norbert
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