Soll ich ihr die Wahrheit sagen? Bitte um euren Rat

(Krebs, Entzündung, Operation, Nachsorge, Verdauung, Ernährung, Diabetes, Reha, Recht ...)

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*Andrea*
Beiträge: 7
Registriert: 30. September 2014, 12:36

Soll ich ihr die Wahrheit sagen? Bitte um euren Rat

Beitrag von *Andrea* »

Seit 10 Tagen steht die Diagnose BSDK für meine Mutter (81) fest. Sie ist derzeit noch im Krankenhaus weil sie einen Metallstent für den besseren Gallenabfluss erhalten hat. Gleichzeitig erhält sie Antibiotika gegen eine Entzündung des Gallenganges. Eine Operation bzw Chemo wird nicht in Erwägung gezogen. Sie hatte vor 8 Jahren einen Schlaganfall, sitzt seitdem im Rollstuhl und kann nicht mehr sprechen. Geistig ist sie jedoch relativ fit, wobei komplexe Sachverhalte von ihr nicht so richtig erfasst werden. In ein paar Tagen soll sie zurück in ihr Pflegeheim. Die Ärzte meinen, es kann sich nur um ein paar Monate drehen. :cry: :cry:

Bisher habe ich ihr nichts von der Diagnose gesagt, sondern den Krankenhausaufenthalt und die Untersuchungen auf die Galle und die Gelbsucht geschoben. Eine ihrer Schwestern meint, ich solle es ihr sagen, die andere ist meiner Ansicht, dass es in ihrer Situation besser wäre, so lange wie möglich nichts zu wissen. Sie kann sich ja mit niemandem austauschen und wäre mit ihrem Kummer in ihrem Körper gefangen und isoliert.

Doch langsam regt sich Zweifel in mir, ob sie nicht das Recht auf die Wahrheit hat. Wie erkläre ich ihr die Schmerzen, die wohl auf sie zukommen? Was würdet ihr tun? Bitte um zahlreiche Antworten.
Norbert
Beiträge: 412
Registriert: 11. März 2008, 10:55
Wohnort: Raum Erlangen

Re: Soll ich ihr die Wahrheit sagen? Bitte um euren Rat

Beitrag von Norbert »

Hallo Andrea,

also ich bin ein Verfechter der Wahrheit. Ich an deiner Stelle würde es ihr sagen. Somit könnt ihr offen mit der Situation umgehen. Selbst wenn deine Mutter nicht mehr sprechen kann. Vielleicht ahnt sie auch was. Gerade Menschen mit einem Schlaganfall sind sehr feinfühlig.
Vielleicht hat sie auch innerlich noch etwas zu regeln oder mit sich auszumachen. Klingt jetzt etwas komisch, aber es erleichtert oft das Gehen von dieser Welt.
Hat nicht jeder ein Recht dazu, die Wahrheit zu erfahren? Frage dich doch mal selbst, ob du in Ihrer Situation es Wissen möchtest.
Klar ist die Entscheidung nicht immer einfach. Man kann auch den leichteren Weg wählen.

Sie hat eine Tochter wie dich, die ihr beisteht. Ich finde es klasse, wie du dich um deine Mutter sorgst.

Wird sie den nach dem Krankenhausaufenthalt von einem Palliativteam betreut? Dann müsst ihr auch keine Angst haben, dass sie große Schmerzen erleiden muss. Heutzutage gibt es so viele Möglichkeiten, die Schmerzen in den Griff zu bekommen. Hausärzte allein sind da meist überfordert.

Wünsche dir und deiner Mutter noch viele schöne gemeinsame Monate

Norbert
*Andrea*
Beiträge: 7
Registriert: 30. September 2014, 12:36

Re: Soll ich ihr die Wahrheit sagen? Bitte um euren Rat

Beitrag von *Andrea* »

Hallo Norbert,

vielen Dank für deine Antwort. Sie wird nach ihrer Entlassung erstmal vom Hausarzt betreut. Im Moment hat sie ja noch keine Schmerzen. Im Krankenhaus neben dem Seniorenheim gibt es auch Palliativmedizinier und -abteilung. Ich werde das noch erfragen, wie das denn weitergeht.

Ja, ich frage mich auch die ganze Zeit, ob ich es an ihrer Stelle wissen wollte. Ich weiss es nicht. Eigentlich bin ich auch für die Wahrheit, aber ich befürchte, dass sie dann in tiefe Depressionen verfällt und sie noch schneller abbauen wird. Sie ist ja die meiste Zeit allein mit ihren Ängsten und kann keine Fragen stellen. Außerdem kann ich schlecht einschätzen, ob sie das alles so versteht. Wenn ich es ihr jetzt sage, stehle ich ihr doch noch einige "sorgenfreie" Zeit oder?

Bin völlig ratlos.
Sternschnuppchen
Beiträge: 232
Registriert: 14. Oktober 2009, 10:41
Wohnort: Kaiserslautern

Re: Soll ich ihr die Wahrheit sagen? Bitte um euren Rat

Beitrag von Sternschnuppchen »

Liebe Andrea,
ich bin eigentlich ein wahrheitsliebender Mensch und hasse Lügen und zu lügen. Aber es gibt Ausnahmen, die sogenannten Notlügen oder barmherzigen Lügen. Ich würde meiner Mutter nicht direkt sagen, wie es um sie steht und es offen lassen (denn es gibt da ja noch die kleinen Wunder, die immer wieder geschehen).
Vielleicht bekommt sie mehr mit, als Ihr glaubt und fühlt, was mit ihr los ist. Und dann noch ihre schon vorhandenen Ängste schüren??
Ich persönlich würde es begrüßen, nicht die volle Wahrheit zu erfahren, denn sonst würde ich schon vorher vor Angst und Aufregung an etwas Anderem sterben.
Nimm dir etwas Zeit und Ruhe und höre in dich hinein. Vielleicht gibt dir deine innere Stimme die richtige oder beste Antwort.

In diesem Sinne alles Gute,

Sternschnuppchen
*Andrea*
Beiträge: 7
Registriert: 30. September 2014, 12:36

Re: Soll ich ihr die Wahrheit sagen? Bitte um euren Rat

Beitrag von *Andrea* »

Hallo Sternschnuppchen,

danke für deinen Rat. Meiner inneren Stimme hat es leider momentan die Sprache verschlagen. Aber ich werde von Tag zu Tag sehen, wie es sich entwickelt und wie sie auf das, was auf sie zukommt, reagiert. Ob sie selber etwas ahnt, weiss keiner. Wenn, dann kann sie es ja nicht zum Ausdruck bringen.

Sie ist jetzt wieder im Seniorenheim und ich befürchte, dass dort eh irgendwann etwas zu ihr durchsickern wird. Es sind einfach zu viele teilweise wechselnde Mitarbeiter vor Ort.

LG, Andrea
Gregor E
Beiträge: 73
Registriert: 3. Mai 2014, 13:26

Re: Soll ich ihr die Wahrheit sagen? Bitte um euren Rat

Beitrag von Gregor E »

Hallo Andrea,
ich würde ihr nicht die "Wahrheit" sagen. Erstens gibt es keine Wahrheit und zweitens ist sie nicht hilfreich. In einer solchen Situation sollte man m. E. unnötige Belastungen vermeiden. So etwas fällt nach meinem Empfinden in den Bereich der "Notlüge". Mit 81 hat man ohnedies entweder bereits hinreichend gelebt oder auch nicht. Man sollte jeden unbeschwerten Augenblick nutzen.
Alles Gute!
Gregor
sternej
Beiträge: 193
Registriert: 9. Januar 2013, 17:40

Re: Soll ich ihr die Wahrheit sagen? Bitte um euren Rat

Beitrag von sternej »

Hi,
die Wahrheit!
Ich finde es unfair, einen Erwachwenen etwas vorzuspielen. Denn ganz ehrlich, Deine Mama hat viel Lebenserfahrung und wird sicherlich schon darüber nachdenken. Sie anzulügen fände ich ihr gegenüber total unfair. Sorry, aber eine sorgenfreie, unbeschwerte Zeit, hat sie wohl durch ihre starken Beschwerden doch schon lange nicht mehr. Auch sie wird spüren, dass Du Dir Sorgen machst und dass es ihr noch schlechter geht.
Als ich 12 war, lag die Oma meiner Freundin im Sterben. Die gesamte Familie, einschl Oma haben das Thema ausgeklammert. Als meine Freundin zur Toilette war, hat die Oma bitterlich geweint und gesagt: "Hier komme ich nie raus." Sie hat recht behalten, 3 Tage später war sie tot. Ich war damals damit überfordert. Aber es hat mich viel gelehrt. Man lügt, um einander zu schützen. Aber man schützt sich nicht. Deine Mama, wie die Oma meiner Freundin, macht sich, wie Mütter nun mal sich, auch um dich sorgen. Ich glaube eine Mutter will wissen, dass es Ihrem KInd gut geht, wenn sie gehen muss. Ich finde es gibt nichts schlimmeres (auch wenn ich im sterben lieben würde) von meiner Familie angelogen zu werden. Und jeder von uns weiß zu 100 %. dass er einmal sterben muss. Ich finde es sehr viel respektvoller, wertvoller der Person die ich liebe gegenüber, die Wahrheit liebevoll, schonend zu sagen und sie weiter zu lieben, zu begleiten, ihr dankbar zu sein als die letzte verbleibende Zeit mit Lügen und Sorgen (findet sie es doch raus) zu verbringen. Die sterbenskranke Person weiß es meistens bereits innerlich wie schwer krank sie ist, das habe ich mehrfach erlebt. Als mein Vater im sterben lang (Gott sei Dank, ist er aber nicht gestorben), habe ich mich darauf vorbereitet. Ich wollte ihn dabei begleiten und nicht, dass er als letztes mein verzweifeltes, hilfloses Gesicht sieht, sondern dass er und ich als letztes etwas tun, was uns im Leben verbindet und was ihm hilft, in die Ewigkeit zu gehen. Vielleicht erlebst Du das gleiche Wunder wie ich und mein Papa und Deine Mama lebt noch viel länger, als die Ärzte vermuten.
Viel Kraft Dir in dieser wirklich schweren Zeit
Esther
Sternschnuppchen
Beiträge: 232
Registriert: 14. Oktober 2009, 10:41
Wohnort: Kaiserslautern

Re: Soll ich ihr die Wahrheit sagen? Bitte um euren Rat

Beitrag von Sternschnuppchen »

sternej hat geschrieben:Hi,
die Wahrheit!
Ich finde es unfair, einen Erwachwenen etwas vorzuspielen. Denn ganz ehrlich, Deine Mama hat viel Lebenserfahrung und wird sicherlich schon darüber nachdenken. Sie anzulügen fände ich ihr gegenüber total unfair. Sorry, aber eine sorgenfreie, unbeschwerte Zeit, hat sie wohl durch ihre starken Beschwerden doch schon lange nicht mehr. Auch sie wird spüren, dass Du Dir Sorgen machst und dass es ihr noch schlechter geht.
Als ich 12 war, lag die Oma meiner Freundin im Sterben. Die gesamte Familie, einschl Oma haben das Thema ausgeklammert. Als meine Freundin zur Toilette war, hat die Oma bitterlich geweint und gesagt: "Hier komme ich nie raus." Sie hat recht behalten, 3 Tage später war sie tot. Ich war damals damit überfordert. Aber es hat mich viel gelehrt. Man lügt, um einander zu schützen. Aber man schützt sich nicht. Deine Mama, wie die Oma meiner Freundin, macht sich, wie Mütter nun mal sich, auch um dich sorgen. Ich glaube eine Mutter will wissen, dass es Ihrem KInd gut geht, wenn sie gehen muss. Ich finde es gibt nichts schlimmeres (auch wenn ich im sterben lieben würde) von meiner Familie angelogen zu werden. Und jeder von uns weiß zu 100 %. dass er einmal sterben muss. Ich finde es sehr viel respektvoller, wertvoller der Person die ich liebe gegenüber, die Wahrheit liebevoll, schonend zu sagen und sie weiter zu lieben, zu begleiten, ihr dankbar zu sein als die letzte verbleibende Zeit mit Lügen und Sorgen (findet sie es doch raus) zu verbringen. Die sterbenskranke Person weiß es meistens bereits innerlich wie schwer krank sie ist, das habe ich mehrfach erlebt. Als mein Vater im sterben lang (Gott sei Dank, ist er aber nicht gestorben), habe ich mich darauf vorbereitet. Ich wollte ihn dabei begleiten und nicht, dass er als letztes mein verzweifeltes, hilfloses Gesicht sieht, sondern dass er und ich als letztes etwas tun, was uns im Leben verbindet und was ihm hilft, in die Ewigkeit zu gehen. Vielleicht erlebst Du das gleiche Wunder wie ich und mein Papa und Deine Mama lebt noch viel länger, als die Ärzte vermuten.
Viel Kraft Dir in dieser wirklich schweren Zeit
Esther
Guten Morgen, Esther,
also "unfair" ist, wenn man "so" die Meinung des Anderen be-und entwertet. Ich finde, man sollte die Meinung des Anderen respektieren, auch wenn man sie nicht für sich persönlich akzeptieren kann.
Außerdem liegt jeder Fall anders.

Gruß
Sternschnuppchen
*Andrea*
Beiträge: 7
Registriert: 30. September 2014, 12:36

Re: Soll ich ihr die Wahrheit sagen? Bitte um euren Rat

Beitrag von *Andrea* »

Vielen Dank für eure Meinungen. Wenn meine Mom noch geistig 100%ig fit wäre, hätte ich ihr gleich gesagt, was Sache ist. Durch ihren schweren Schlaganfall ist sie das leider nicht mehr. Inwieweit sie Sachverhalte verstehen kann, hängt von der jeweiligen Tagesform ab. Ich fände es egoistisch, mein Herz zu erleichtern, und sie dann mit ihren Sorgen allein zu lassen. Denn das ist sie oft, allein mit sich und ihren Gedankenbruchstücken in ihrem halbseitig gelähmten Körper, ohne Sprache, ohne Lesefähigkeit.

Heute z.B. konnte sie ihre Enkelinnen auf Fotos nicht mehr auseinanderhalten.

Auf der anderen Seite glaube ich manchmal auch, sie weiss in manchen Augenblicken - aber eben nur ab und zu - dass etwas schlimmes ist.Ihre Beschwerden halten sich derzeit noch im Rahmen, ich frage mich, ob das mit der halbseitigen Lähmung und Taubheit zusammenhängen kann.

Ich werde wohl jeden Tag neu entscheiden, ob und wann ich ihr die Wahrheit sage.

LG
Andrea
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